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Foto: Peter Schmackeit

Die Klinge-Band in hartem Einsatz an Fasching: der »Pinsel« Jürgen Meißner, Alois Schmidt, Heinz Müllenborn
und sitzend: ??, Josef Vogel, Wolfgang Maaßen, Hans Mulder
 
 

Liebe Ehemalige,

könnt Ihr Euch noch an die "Klinge-Band" erinnern? Vor etwa vierzig Jahren war das, als es im Jugenddorf Klinge noch diese Musikgruppe gab. Ich bin sicher, dass viele von Euch, die in jenen Jahren hier lebten, diese höchst bemerkenswerte Freizeiteinrichtung in guter oder auch denkwürdiger Erinnerung haben. Kurt Winterhalder, von 1960 bis 1969 geschäftsführender Vorstand des Jugenddorf Klinge e.V., startete damals den Versuch, Jugendliche und Erwachsene zum Mitmachen in einer "Musikkapelle", wie man das damals noch zu nennen pflegte, zu motivieren. Er selbst spielte eine Ziehharmonika mit Knöpfen und blies auch auf einer Trompete und suchte weitere Mitstreiter zum gemeinsamen musikalischen Tun. Gilbert Maurer, Dieter Theobald und Manfred Sievert waren die ersten Jungen, die mitspielten. Gefragt waren damals die gewohnten Schlagertitel jener Zeit sowie Standard-Tanzmelodien, wie man sie in der Tanzstunde üblicherweise lernte. Man tanzte ja auch noch richtig paarweise, mit Anfassen, und brachte seine Partnerin, die man vorher artig aufgefordert hatte, sogar wieder an ihren Platz zurück.

Erzieher Walter Daumann, der noch vor seiner Flucht in der damaligen DDR angehende Lehrer im Fach Musik ausgebildet hatte, war wohl der professionellste von uns allen. Er beherrschte mehrere Instrumente, darunter Saxophon und Akkordeon und außerdem ein ganz neues Gerät, ein elektrisches "Klaviocord". Das war ein Vorläufer des heutigen Keyboards, mit vier abschraubbaren Beinen, und benötigte einen Kofferverstärker von Quelle, um hörbar zu werden, damals eine völlig neue Sache. Ich selbst wurde dazu verdonnert, noch Schlagzeug spielen zu lernen, was ich nie so ganz perfekt geschafft habe, aber niemand hat sich schließlich beschwert. In jener Zeit begann die Gitarre ihren Siegeszug im Ansehen der Jugendlichen, hatten doch die Beatles und andere Gruppen jener Zeit bewiesen, dass man anscheinend auch mit geringer musikalischer Aus- und Vorbildung es zu etwas bringen konnte. Unser Ehemaliger Heinz Müllenborn erzählt dazu: "Um den jüngeren Kindern eine Gelegenheit zum Musizieren zu geben, durften die Interessierten bei den jeweiligen Proben dabei sein. Ich hatte mich schon als kleines Kind für Musik interessiert. Mein Vater spielte Geige, Mandoline und Klarinette. Triangeln, Rasseln, usw. waren meine Instrumente. Zu jener Zeit galt meine Vorliebe jedoch der Gitarre. Deshalb bat ich meinen Vormund Pfarrer Magnani um Hilfe. Wie es damals in der Klinge üblich war, ging ich zum Bauer Hübl aufs Feld zum "Steine lesen", eine Beschäftigung, die immerhin 50 Pfennige in der Stunde einbrachte. Als ich endlich 50 DM zusammengespart hatte, wurde mein Traum Wirklichkeit: eine Wandergitarre! Ich schaute den Gitarristen bei den Proben auf die Finger und lernte zunächst durch Zuschauen und Abgucken die Griffe. Den nötigen Rhythmus hatte ich ja schon im Blut. Mit mir schlossen sich damals noch Wolfgang Maassen, Helmut Huster, Harald Sommer und zwei weitere Jungen der "Klinge-Band" an. Mit 16 durften Wolfgang und ich außer an Veranstaltungen im Gästehaus auch bei auswärtigen größeren Auftritten teilnehmen. Als Dieter Theobald und Manfred Sievert die Band verließen, rückten wir als erste Gitarristen mit Hans Mulder nach.

Nun rollte die Beatwelle auch durch die Klinge. Das Interesse an Herrn Winterhalders Klinge-Band und der Musik von Glenn Miller, an IN THE MOOD, an den damals aktuellen Schlagern, an Hawaiklängen, Foxtrott, Tango und Walzer wurde bei uns Jungen eingeschränkt. Yardbirds, Animals, Beatles, Rolling Stones, Kings, das war jetzt unsere Musik. Dennoch ließ Winterhalders Unterstützung bei der Ausübung unserer Musik nicht nach. Im ehemaligen Bauernhaus "St. Wendelin" baute man einen Kellerraum schalldicht zum "Jazzkeller" um. Einige Verstärker und Mikrophone wurden angeschafft, so dass wir, ohne jemanden zu stören, proben konnten. An Silvester, zu Fastnacht, beim Tanz in den Mai, auf auswärtigen Gastspielen gaben wir unser Bestes, und zusammen mit den "Alten" Winterhalder, Daumann und Schmackeit spielten wir auch immer wieder brav die ganz "normale" Tanzmusik. Die Leidenschaft zur Beatmusik ergriff auch noch andere Jugendliche, wodurch sogar zwei Bands entstanden: die "Rolling Beats" mit Peter Döring, Alois Schmidt, dem "Pinsel" und mir, und die "Beat Boys" mit Hans Mulder, Wolfgang Maasen, Josef Vogel und Hans Joachim Schmidt. 1966 spielten beide Bands bei einem Beatfestival im Bernhard-Saal sogar um die Wette..."

Die jungen Leute wurden mittlerweile erwachsen und verließen nach und nach das Dorf. Als auch der Initiator Kurt Winterhalder sich einer anderen beruflichen Aufgabe zugewandt hatte, blieben nur noch einige Geräte und der Jazzkeller für eine Weile bestehen. Aber die Zeit ging auch darüber hinweg. Immer wieder einmal erlebte das inzwischen defekte Schlagzeug eine kurze Auferstehung und wurde instandgesetzt, verschwand aber auch immer wieder in der Versenkung, wenn es den unbeaufsichtigten Mißhandlungen durch junge Burschen zum Opfer gefallen war. Im Rückblick hat sich damals der Aufwand dennoch sicher gelohnt. Eine ganze Reihe junger Menschen, die sonst keine Möglichkeiten dazu gefunden hätten, konnten über Jahre hinweg mit großer Begeisterung gemeinsam musizieren und waren in der Lage, ihre eigenen musikalischen Bedürfnisse und die der älteren Generation in gleicher Weise zu erfüllen. Alois spielte später über viele Jahre, eigentlich noch bis heute, in seiner hier weithin bekannten Band "German Aircraft", die auch große Veranstaltungen bestritt. "Es war eine tolle Zeit, an die ich immer wieder gern zurückdenke," meint Heinz Müllenborn mit ein wenig Wehmut im Blick. Ich selbst habe seit damals nie mehr ein Schlagzeug traktiert, sondern statt dessen verspätet mein musikalisches Hobby begonnen: historische Jazz-Aufnahmen zu sammeln. Das war ja die Musik meiner Generation. Da wir Heranwachsende uns nach dem Krieg so etwas wie ein Radiogerät, einen Plattenspieler oder gar Schallplatten nicht leisten konnten, fingen wir die heißen Töne mittels Kristalldetektoren ohne Strom aus dem Äther ein, mit einem Stück Kupferdraht als Antenne an den Spiralfedern des Bettrostes, und lauschten in drückend harte Bakelit-Kopfhörer! Aber das ist lange her... Herzliche Grüße aus der Klinge

Herzliche Grüße aus der Klinge

P. Schmackeit

 
 
Das jünste Mitglied der Band
war 1964 der kleine Rolf
mit seiner Melodika.
Foto: Peter Schmackeit  
  Die Klinge-Band 1964: (v.l.) Dieter Theobald, W. Daumann, Manfred Sievert,
P. Schmackeit, K. Winterhalder, ??, Wolfgang Maaßen, Heinz Müllenborn,
Harald Sommer.
 
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